Very British – der Afternoon Tea im Allgemeinen und im Besonderen

Afternoon Tea - Teller und Tasse

„Thank God for tea! What would the world do without tea? How did it exist? I am glad I was not born before tea.“ Reverend Sidney Smith (1771-1845)

Noch immer gehört der Nachmittagstee, der zuhause traditionell zwischen 16 und 17 Uhr eingenommen und als veritable Teezeremonie zelebriert wird, zu den Gewohnheiten, die als besonders typisch für die britische Lebensart gelten.

Nach Europa gelangte der Tee erstmals im frühen 17. Jh. durch niederländische Handelsschiffe, in den 1640er Jahren dann auch nach England. Katharina von Braganza, die portugiesische Gemahlin König Charles‘ II. (Regierungszeit 1660 bis 1685) soll den Tee am englischen Hof eingeführt und auch die Wurzeln der englischen Teekultur begründet haben. Man kann aber davon ausgehen, dass das Teetrinken in England vor allem durch Queen Anne (Regierungszeit 1702 bis 1714) beliebt gemacht wurde, die es leid war, warmes Bier zum Frühstück zu trinken und sich lieber Tee servieren ließ. Die typischen Gepflogenheiten der heute üblichen englischen „Tea Time“ entwickelten sich in viktorianischer Zeit ab Mitte des 19. Jh. In dieser Epoche entstand auch das heute bekannte Teegeschirr (Teeservice), vorzugsweise mit Rosenmuster, einem im viktorianischen England äußerst beliebten Motiv.

Der Afternoon Tea – Von Tee bis Scones

Was aber gehört nun im einzelnen zu einem ordentlichen britischen „Afternoon Tea“?

  • Zunächst einmal natürlich der Tee. Der Brite bevorzugt schwarzen Tee und hier vor allem kräftige und eher unaromatisierte Sorten, wenngleich der mit Bergamotte aromatisierte Earl Grey Tea, benannt nach dem Premierminister Charles Grey Viscount Howick und 2. Earl Grey, ebenfalls eine englische Erfindung ist. Gebrüht wird der Tee meist indem man die losen Teeblätter in die Kanne gibt, mit kochendem Wasser übergießt und sie dort lässt, dadurch wird der Tee mit der Zeit immer stärker, so dass man oft noch heißes Wasser nachgießt.
  • Auch Milch darf beim Afternoon Tea nicht fehlen. Sie mildert den Geschmack kräftiger Teesorten wieder ein wenig ab. Heiß diskutiert wird die Frage, ob man zuerst die Milch Afternoon Tea - Sandwiches und Sconesoder zuerst den Tee in die Tasse füllen sollte – und so spaltet Großbritannien sich in eine Tif- (Tea in first) und eine Mif (Milk in first)-Fraktion. Geschmacklich tun beide Varianten sich nichts.
  • Je nach Teesorte und Geschmack kann man statt Milch auch Zitronensaft in seinen Tee tun.
  • Zucker oder Kandis dürfen selbstverständlich auch nicht fehlen.
  • Teebrot aus Hefe mit Früchten und / oder Gewürzen oder Teekuchen
  • Sandwiches (Savouries) z. B. mit Gurke, Kresse, Ei, Schinken oder Lachs
  • Scones (winzige Brötchen) mit Erdbeermarmelade und Clotted Cream (dicker Streichrahm aus Rohmilch, Spezialität aus Devon und Cornwall, schmeckt ähnlich wie Mascarpone) – wenn man nur solche Scones (ohne Sandwiches, Brot oder Kuchen) zum Tee isst, wird dies als (Cornish) Cream Tea bezeichnet, der ursprünglich aus Südengland/Cornwall stammt.

Es kommt nicht nur auf die Zutaten an

Neben all diesen guten Sachen gehört natürlich auch eine stilvolle Umgebung zum Afternoon Tea. Das beginnt bei einem eleganten Teeservice aus Glas, Steingut oder Porzellan, mit großer Teekanne, Milchkännchen und Zuckerdose (mit Zuckerzange), Tassen und passenden Tellern (in Hotels und Restaurants werden Savouries und Scones meist auf einer Etagère serviert) sowie Teelöffeln und kleinen Messern für Marmelade und Clotted Cream. Idealerweise ist es aus Porzellan und altmodisch-viktorianisch gestaltet, geblümt oder ornamentiert, aber ein stylisches modernes Service tut es natürlich auch.

Aber auch der Teetisch (für den Afternoon Tea, der auch als Low Tea bezeichnet wird, wird gewöhnlich nicht der Esstisch, sondern ein niedrigerer Teetisch genutzt) und der ganze Raum spielen natürlich eine wichtige Rolle. In Großbritannien kann man in vielen Hotel-Restaurants zwischen 15 und 17 Uhr Afternoon Tea in vornehm eingerichteten Räumen, teils mit Kaminen und Sesseln, bekommen.

Britische Teekultur gibt es auch auf dem Kontinent

Aber auch auf dem Kontinent wird britische Teekultur gepflegt, teilweise an unerwarteten Orten: „Au Fond du Jardin“ nennt sich der kleine Teeladen mit dahinterliegender Teestube in der Rue de la Rape in Straßburg, nur wenige Schritte vom Palais Rohan und der Kathedrale entfernt. Dort werden selbst zusammengestellte Teekreationen und Gebäck gereicht – die Madeleines sind weltberühmt und wurden schon von Prominenten wie dem amerikanischen Ex-Präsidenten Bill Clinton probiert. Das alles wird dargeboten in einer Atmosphäre, die einem viktorianischen Landhaus entstammen könnte, entworfen von einem der Betreiber, der Innenarchitekt ist. Wer Tee mag und in Straßburg ist, sollte sich das unbedingt gönnen.

Aber auch in Deutschland, gerade im multikulturellen Ruhrgebiet, der Heimat dieses Blogs, wird British Lifestyle gepflegt: in Dortmund wird im Restaurant Marples, beheimatet in einer alten Mühle, ein Afternoon Tea angeboten, der keine Wünsche offen lässt. Zusätzlich punktet das Lokal mit einer außergewöhnlichen Atmosphäre.

Autor: Benjamin Bork M. A. (Historiker & Kulturmanager)

Artikelbilder: restaurant-reporter.de / Kai Hoffmann

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